Blog

  • Die europäischen Bürger sollen sparen

    Wozu würde eine gemeinsame Wirtschaftsregierung der Europäischen Union dienen? Arme Staaten würden konkurrenzfähiger, aber auch deutsche Beschäftigte stünden unter größerem Druck. Eine Analyse

    Deutschland ist das Vorbild Europas. So lautete die Botschaft, mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag zum Europäischen Rat nach Brüssel reiste. Sie erklärte, schwächere Staaten wie Griechenland oder Spanien stärken zu wollen. Das Mittel dazu wäre eine gemeinsame europäische Strategie, die man inzwischen unter dem Stichwort der „Wirtschaftsregierung“ zusammenfasst.

    Darunter muss man sich keine neue Bürokratie mit tausenden Büros in Brüssel vorstellen, sondern einen Katalog mit Zielen, deren Einhaltung die europäischen Regierungen regelmäßig überprüfen. Merkel schwebt vor, die Staatsverschuldung zu reduzieren und Spekulationsangriffe auf den Euro künftig unwahrscheinlicher zu machen. Um diese Wirkung zu erreichen, müssten wirtschaftlich schwächere Staaten ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, meint die Kanzlerin.

    Ein Beispiel: In manchen Staaten wie Italien und Griechenland gehen die Arbeitnehmer früher in Rente als in Deutschland. Die italienischen und griechischen Unternehmen und Rentenversicherungen tragen deshalb höhere Kosten, die auch die Verkaufspreise der dort hergestellten Güter und Dienstleistungen erhöhen. Steigt dagegen das Rentenalter, sinken die Sozialkosten im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Damit können auch die Preise der Produkte reduziert werden, wodurch Unternehmen und Staat mehr Geld einnehmen.

    Vor diesem Hintergrund sinkt grundsätzlich auch die Staatsverschuldung. Die Regierungen müssen weniger Kredite an den internationalen Kapitalmärkten aufnehmen, weshalb das Vertrauen der Investoren in die europäische Währung und damit die Stabilität des Euro zunimmt.

    Merkels Idee eines einheitlich höheren Rentenalters hat jedoch auch mögliche Auswirkungen für Deutschland. Während hierzulande die gesetzliche Altersgrenze noch bei 65 Jahren liegt, will beispielsweise Dänemark seine Arbeitnehmer später erst mit 70 in Rente gehen lassen. Eine gemeinsame europäische Rentenpolitik würde also auch den Druck auf die deutschen Beschäftigten erhöhen, länger zu arbeiten.

    Entspannter könnten deutsche Arbeitnehmer sein, was Merkels Vorschläge zur Lohnpolitik betrifft. Die Kanzlerin schlägt vor, die automatischen Lohnerhöhungen abzuschaffen, mit denen etwa Portugal und Belgien die Inflation ausgleichen. Deutschland kennt eine solche Kopplung nicht. Für Portugal und Belgien würde die Abschaffung bedeuten, dass die Lohnkosten der Unternehmen und des Staates sinken, was ebenfalls zu größerer Konkurrenzfähigkeit und geringeren Schulden führt.

    Bleibt die Frage, ob Merkels Strategie dazu beitragen kann, die Euro-Krise einzudämmen. Einerseits entstünde eine gemeinsame Wirtschaftspolitik – die Basis für das Überleben des Euro. Andererseits bliebe ohne eine Änderung der deutschen Wirtschaftspolitik das Gefälle innerhalb Europas bestehen. Während der vergangenen zehn Jahre stagnierten die Löhne in Deutschland, wodurch deutsche Produkte so kostengünstig sind, dass Unternehmen aus anderen Ländern weniger Chancen haben. Damit Griechen, Portugiesen und Italiener mehr verkaufen und weniger Schulden machen, müssten hierzulande die Löhne stärker steigen. Deutschland kann nur Vorbild sein, wenn es nicht nur fordert, sondern auch gibt.

  • Reisen ohne Geld-zurück-Garantie

    Machen politische Unruhen Urlaubern einen Strich durch die Rechnung, bekommen sie nicht immer den vollen Reisepreis erstattet

    „Ab nach Ägypten“ hieß es noch vor kurzem für viele Deutsche. Wegen der dortigen politischen Unruhen heißt es jetzt „Ab auf die Kanaren“. Immer wieder bringen Terroranschläge, Naturkatastrophen oder Tumulte die Pläne von Urlaubern durcheinander. Mal sagt ein Veranstalter wegen Vulkanasche im Luftraum den Wellness-Trip, mal tritt der Reisende aus Angst vor einem Attentat vom Vertrag zurück.

    Doch wie sieht es dann mit den Kosten aus? Bleiben Touristen auf den Ausgaben für Flug und  Unterkunft sitzen? Oder bekommen sie das Geld vom Veranstalter zurück? Eine einheitliche Antwort darauf gibt das Reiserecht nicht her. Ob der Preis zurückerstattet wird, hängt unter anderem davon ab, wie gravierend sich die Vorfälle im Zielland gestalten und ob die Reise pauschal gebucht oder individuell zusammengestellt ist.

    Pauschalreisen können sowohl Veranstalter als auch Reisende unter bestimmten Voraussetzungen kündigen. „Möglich ist das zum Beispiel bei höherer Gewalt wie etwa bei Naturkatastrophen, Kriegen oder extremen politischen Unruhen“, sagt die Leiterin des Europäischen Verbraucherzentrums (EVZ) in Kiel Andrea Sack. Immer wieder beschäftigen sich Gerichte damit, welche Vorfälle unter dem Begriff der „höheren Gewalt“ zu verstehen sind. Grob genommen zählen Ereignisse dazu, die von außen kommen, unvorhersehbar und vom Veranstalter nicht abwendbar sind.
    „Dringende Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes können ein wichtiges Indiz höhere Gewalt sein“, so Sack. Jedoch berechtige eine Reisewarnung an sich noch nicht per se zur Kündigung.

    Eine Vielzahl von Einzelentscheidungen zu Fragen höherer Gewalt gibt es inzwischen. Verallgemeinern lassen sie sich kaum. So handelt es sich bei einzelnen Terroranschlägen beispielsweise nicht um Fälle höherer Gewalt, die eine Vertragskündigung rechtfertigen.
    Anders sieht es aus, wenn Touristengruppen in einem bestimmten Urlaubsgebiet immer wieder von Anschlägen bedroht werden.

    Sowohl Verbraucherschützer als auch Juristen stufen die derzeitigen Gewaltausschreitungen in Ägypten als höhere Gewalt ein. Und viele Reiseanbieter haben inzwischen beschlossen, ihre Verträge mit Abreisen bis Mitte Februar aktiv zu kündigen. Pauschaltouristen mit Abreiseterminen bis Ende Februar können bei vielen Veranstaltern kostenlos umbuchen. Für Urlauber, die Flug und Hotel separat gebucht haben und angesichts der Lage im Land lieber auf eine Reise dorthin verzichten möchten, wird es schwieriger. „Hier entscheiden die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ob
    eine kostenlose Stornierung möglich ist“, erläutert EVZ-Reiserechtsexpertin Sack. Viele Anbieter geben spezielle Hotlines auf ihren Internetseiten an, über die der Kunde erfährt, unter welchen Bedingungen Kündigungen möglich sind und wie viel Geld zurückerstattet wird.

    Rund 30.000 Urlauber deutscher Reiseveranstalter halten sich nach Schätzungen des Deutschen Reiseverbands (DRV) derzeit in den Baderegionen rund um das Rote Meer in Ägypten auf. Die Mehrzahl bleibt vor Ort. „Nur eine Handvoll reist vorzeitig zurück“, so DRV-Sprecher Torsten Schäfer. Schließlich seien die Bade- und Urlaubsgebiete weit abgelegen von den Unruhezentren.

    Die meisten Touristen, die eine Reise nach Ägypten gebucht hatten, wollen weiterhin verreisen. Sie entscheiden sich entweder für einen späteren Reisezeitraum oder für ein anderes Ziel. „Viele haben Urlaub bei ihrem Arbeitgeber eingereicht und können nicht zu einem anderen Zeitpunkt fahren“, beobachtet Stefan Suska, Sprecher beim Veranstalter Alltours. Umbucher würden sich dann in der Regel für die Kanaren, die Malediven oder die Dominikanische Republik oder die Türkei entscheiden.

    Wie sich Reisen nach Ägypten entwickeln werden, bleibt abzuwarten. „Die Buchungen stehen und fallen mit der politischen Entscheidung“, erläutert Suska. Ob es in Zukunft wieder mehr Urlauber in das Land am Roten Meer zieht, lässt sich im Moment also nur schwer vorhersagen. Prognosen für andere Urlaubsziele fallen da leichter. Sowohl Reiseanbieter Tui als auch Alltours beobachten ein Comeback für Mallorca. Hatte die Wirtschaftskrise vielen Deutschen in den vergangenen zwei Jahren noch davon abgehalten, Sonne auf der Partyinsel zu tanken, boomt das Reiseziel wieder. Und auch Griechenland holt auf. Die verheerenden Waldbrände der Vergangenheit sind vergessen: Es wird wieder gebucht. 

  • Trotz Versicherung kein Geld

    Reiseabbruchpolicen zahlen nicht bei Unruhen

    Vor Reisen nach Ägypten rät das Auswärtige Amt dringend ab. Viele Veranstalter haben darauf reagiert und bringen seit kurzen keine Urlauber mehr dorthin. Bereits geschlossene Reiseverträge wurden gekündigt. Doch was passiert mit den Touristen vor Ort? Sind sie bei solchen Unruhen versichert?

    „Betroffene, die ihre Reise vorzeitig beenden und nach Deutschland zurückkehren wollen, können nicht auf Leistungen aus einer Reiseabbruchversicherung hoffen“, sagt Hartmuth Wrocklage, Chef des Bunds der Versicherten (BdV). Zwar helfen der Krisenstab des Auswärtigen Amts, die Deutsche Botschaft in Kairo, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften beim Rücktransport. Doch die Reiseabbruchversicherung, die etwa Mehrkosten einer Rückreise erstatten soll, zahlt in solch einem Fall nicht. „Im Kleingedruckten ist genau geregelt, bei welchen Ereignissen der Versicherer eintritt“, so Wrocklage. Unruhen im Urlaubsland zählten nicht dazu.

    Erleidet ein Urlauber während der Unruhen einen Unfall, springt die Unfallversicherung bei einer dauerhaften Invalidität ein. Nur bei Bürgerkriegs- oder Kriegsereignissen, so Wrocklage, darf die Gesellschaft die Leistung verweigern.

  • Lokführer wollen streiken

    GDL ist mit den Angeboten der Bahnen unzufrieden

    Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will ihren Forderungen nach einem bundeseinheitlichen Tarifvertrag nun mit Warnstreiks Nachdruck verleihen. Dies beschloss die Tarifkommission der Gewerkschaft am Donnerstag. Zuvor hatte die GDL die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn und den führenden Privatbahnen für gescheitert erklärt. Eine andere Möglichkeit als den Arbeitskampf sehe man derzeit nicht, sagte GDL-Chef Claus Weselky.

    Die Fahrgäste müssen sich wohl Mitte Februar daraus einstellen, dass die Züge zeitweilig nicht mehr fahren. Wann welches Bahnunternehmen bestreikt wird, teilte die GDL nicht mit. Vermutlich wird es vor einer geplanten Protestaktion am 16. Februar keinen Ausstand geben. Die Fahrgäste sollen rechtzeitig über Zugausfälle informiert werden. Sollte es auch nach den Warnstreiks keine Einigung mit den Arbeitgebern über einen Bundesrahmentarif geben, könnte die GDL wie schon 2007 einen längeren Arbeitskampf führen. Die Urabstimmung dazu wird eingeleitet.

    Die Gemengelage der laufenden Tarifrunde ist so kompliziert wie nie zuvor. Denn die GDL verhandelt gleich mit drei verschiedenen Arbeitgebern. Auf der einen Seite steht die Deutsche Bahn (DB) als größtes Unternehmen, in dem rund 80 Prozent der 26.000 Lokführer beschäftigt sind. Parallel spricht die Gewerkschaft mit den größten Unternehmen im Personennahverkehr und im Schienengüterverkehr. Die GDL will einen einheitlichen Bundesrahmentarifvertrag durchsetzen, der eine Bezahlung aller Zugführer auf dem Lohnniveau der Deutschen Bahn vorsieht. Die Privatbahnen, die oft weniger bezahlen als der Branchenprimus, wollen weiterhin Spielräume für eine Abweichung vom DB-Tarif nach unten.

    Gleichzeitig verhandeln die Tarifparteien über eine normale Entgelterhöhung. Auch hier lehnt die GDL die Angebote der Arbeitgeber ab. Die DB hat den Lokführern eine Lohnerhöhung von fünf Prozent in einem Zeitraum in zwei Stufen über zwei Jahre angeboten. Dies entspricht dem Abschluss, den der Konzern im Januar mit der Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG) vereinbart hat, in der der größte Teil der Bahnbeschäftigten organisiert ist. Die GDL will zwar auch fünf Prozent mehr Lohn, aber bei einer Laufzeit von nur einem Jahr. Der Bahnvorstand will jedoch auf das vorliegende Angebot nicht mehr drauflegen. Personalvorstand Ulrich Weber hat GDL-Chef Weselsky vorgeschlagen, die vorhandenen Probleme an einem runden Tisch mit allen drei Arbeitgebergruppen zu erörtern.

    Doch bisher bleiben die Lokführer stur bei ihren Forderungen. Hinter diesem Verhalten stehen strategische Überlegungen. 2007 hat die GDL mit einem langen Streik am Ende Erfolg gehabt und bessere Konditionen sowie einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer durchgesetzt als die Konkurrenzgewerkschaft EVG, die damals noch Transnet hieß. Auch diesmal wollen die Zugführer wieder mehr für sich herausholen, als es für die Masse der Bahner gibt.

    Ob die Rechnung aufgeht, erscheint indessen zweifelhaft. Denn es ist in der Öffentlichkeit schwer vermittelbar, warum eine Berufsgruppe der Bahn besonders gut gestellt werden soll. Zumindest bei einem längeren Streik könnte die Stimmung schnell gegen die GDL umschlagen. Außerdem ist nicht erkennbar, wie der komplizierte Tarifstreit ohne gemeinsame Gespräche aller Beteiligten aus dem Weg geräumt werden könnte.

  • Taktischer Streik

    Kommentar

    Die Lokführer lassen wieder einmal ihre Muskeln spielen und streiken. Doch diesmal könnte der Schuss nach hinten losgehen.

    Es werden Erinnerungen an das Jahr 2007 wach, als ihre Gewerkschaft GDL nach langem Arbeitskampf einen eigenen Tarifvertrag und satte Lohnsteigerungen durchsetzte. Die Fahrgäste nahmen die Unannehmlichkeiten überwiegend gelassen hin, weil der Arbeitskampf angesichts eher karger Löhne für das Personal im Cockpit angemessen erschien. Mit dem damaligen Erfolg sind Tarifverhandlungen bei der Bahn kompliziert geworden, weil das Unternehmen immer mit zwei Gewerkschaften getrennt verhandeln muss. GDL-Chef Claus Weselsky verfolgt gegenüber dem Konzern eine einfache Taktik. Die GDL wartet den Abschluss eines Tarifvertrags der anderen Verkehrsgewerkschaft ab und verlangt dann noch ein bisschen mehr für ihre eigenen Leute. So wird die Spartengewerkschaft attraktiv für alle Lokführer und und ihre Führung kann sich einer erfolgreichen Verhandlungstaktik rühmen.

    Auch diesmal setzt Cheffunktionär Claus Weselsky auf die Macht der Berufsgruppe. Ohne die Männer vorne im Zug läuft auf der Schiene gar nichts. Es ist fraglos das gute Recht der GDL, für ihre Leute das Bestmögliche herauszuholen. Aber es ist auch richtig, dass sich die Befürchtung einer zunehmend zerklüfteten Tariflandschaft bestätigt. Auch anderswo diktieren zunehmend kleine Fachgewerkschaften das Tarifgeschehen, weil sie im Arbeitskampf am längeren Hebel sitzen. Verlierer sind beileibe nicht nur die Unternehmen. Vielmehr trifft es auch den Rest der Belegschaft. Denn sie bezahlen das Mehr für die einen durch ein bisschen weniger Mehr auf ihrem Lohnkonto. Etwas mehr Solidarität untereinander stünde den Gewerkschaften gut zu Gesicht.

    Ob die Rechnung der GDL aufgeht, ist eher ungewiss. Die Lage ist nicht mit 2007 vergleichbar. Es liegen passable Angebote auf dem Tisch und die Gewerkschaft kann ihr stures Verhalten kaum schlüssig erklären. Die für einen längeren Arbeitskampf notwendige öffentliche Unterstützung ist nicht erkennbar. Das wird auch Weselsky wissen und nach den Kraftübungen der Basis wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Das könnte er genauso gut auch gleich tun.

  • DIW nach Rücktritt kopflos

    Präsident Zimmermann wirft das Handtuch / Forschungsinstitut in Schwierigkeiten

    Das renommierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) muss sich einen neuen Chef suchen. Nach langen Querelen warf der bisherige Präsident Klaus Zimmermann nun das Handtuch. Er habe sein Amt zur Jahresmitte 2011 zur Verfügung gestellt, heißt es in einer Mitteilung des DIW-Kuratoriums.

    „Die wissenschaftlichen Arbeiten und Beratungserfolge müssen wieder stärker ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung gerückt werden“, stellte der Vorsitzende des Kuratoriums, Bert Rürup, fest und sprach von einer verzerrten und überzogenen Kritik an der Einrichtung. Nun will das Gremium in Ruhe nach einem Nachfolger suchen. Zunächst wird nach einer Zwischenlösung gesucht.

    In den letzten Jahren ist das DIW unter der Leitung Zimmermanns immer wieder in die Kritik geraten. Öffentlich wurden vor allem die Vorwürfe des Rechnungshofes. Die Kassenprüfer monierten freihändig vergebene Aufträge in Millionenhöhe. Die Finanzierung von Tochterinstituten Ausland hielt der Rechnungshof ebenfalls für bedenklich.

    Gescheitert ist der Forscher aber eher an wissenschaftlichen Misserfolgen und seinem Umgang mit den rund 100 Wissenschaftlern im eigenen Hause. „Endlich kann ich wieder vernünftig arbeiten“, freut sich einer der Angestellten über den Rückzug des 58-jährigen Volkswirts. Kollegen beschreiben Zimmermann als narzisstisch und beratungsresistent. An seiner Qualifikation bestehen hingegen keine Zweifel. Der eigenwillige Führungsstil vertrieb etliche Experten aus dem DIW. „Das ist auf Dauer nicht tragbar“, sagt Sprecher Carel Mohn.

    Zimmermann übernahm das DIW im Jahr 2000 und wollte es in der internationalen Spitze der Wirtschaftsinstitute etablieren. Der frische Wind, den er durch die Flure der Einrichtung wehen ließ, flaute bald ab. Stattdessen musste das Haus empfindliche Schlappen einstecken. Schon fast traditionell beauftragte die Bundesregierung das DIW mit der Teilnahme an der Konjunkturprognose, die zweimal jährlich von den führenden Instituten erstellt wird. Unter Zimmermann verloren die Berliner den Auftrag. Zuletzt ging mit dem Innovationsindikator des Bundesverbands der Deutschen Industrie und der Telekom noch ein weiterer lukrativer Auftrag verloren. Offenbar wuchs der Druck auf Zimmermann in der letzten Zeit so stark an, dass er sich nun zurück zieht. Das kann auch als eine Art Notbremse verstanden werden. Denn in einem Jahr steht die Überprüfung der wissenschaftlichen Qualität des DIW auf dem Programm, die Voraussetzung für die Förderung der Einrichtung durch Bund und Länder ist.

  • Klarheit mit Hindernissen

    Bald kommt der Internetpranger für Lebensmitteltäuschungen

    Bald können sich Verbraucher im Internet über die täuschende Aufmachung von Lebensmitteln beschweren. Auf dem Portal „Klarheit und Wahrheit“ will das Bundesverbraucherministerium irreführende Produkte mit Nennung der Namen und der Hersteller informieren. Erdbeerjoghurt ohne Fruchtbestandteile oder Fitnessflocken mit hohem Zuckergehalt werden zur öffentlichen Debatte gestellt. Die Wirtschaft läuft Sturm gegen das Vorhaben und sieht sich an den Pranger gestellt.

    Die hessische Verbraucherzentrale (VZ) übernimmt die Betreuung der Seite im Auftrag der Bundesregierung. Starttermin des 300.000 Euro teuren Projektes ist im Frühjahr. Schon jetzt können sind Kunden bei der VZ über Mogeleien beschweren. Das führt schon lange vor dem Start zu ersten Ergebnissen. Nach Angaben von Projektleiter Hartmut König wurden bisher 25 Lebensmittel kritisiert, darunter ein angeblich hundertprozentiger Ziegenfrischkäse. Auf der Verpackung findet sich ein Hinweis, nachdem der Käse in einem Kuhmilch verarbeitenden Betrieb hergestellt wurde. „Das ist ein Fall für die Nennung des Produktes“, erläutert König. Der Produzent habe aber bereits eingelenkt und wolle die strittige Darstellung verändern.

    Die Wirtschaft lehnt mehr „Klarheit und Wahrheit“ vehement ab, weil auch die Namen der Hersteller genannt werden sollen. „Es wird zu einem Pranger“, befürchtet die Sprecherin des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), Andrea Moritz. Marken und Betriebe seien in Gefahr, wenn die absurdesten Vorwürfe ins Internet gestellt werden. Rechtliche Grundsätze würden nicht beachtet.

    An diesem Mittwoch werden die Hessen den Wirtschaftsverbänden ihr Konzept vorstellen. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will an der Nennung von Rosstäuschern unbedingt festhalten. „Die Verbraucherzentralen werden die Hinweise der Konsumenten prüfen und entsprechend im Internet veröffentlichen“, stellt die Ministerin klar.

    Die Initiatoren haben eine Reihe von Sicherheitshürden aufgebaut, damit die Plattform nicht missbraucht werden kann. So prüfen Fachleute jeden Vorwurf und holen eine Stellungnahme dazu beim betreffenden Unternehmen ein. Erst dann wird das Produkt auch öffentlich genannt. Anonyme Hinweise werden ebenso wie Schmähbriefe gar nicht erst beachtet.

    Unklar ist jedoch noch, welche Lebensmittel am Ende tatsächlich namentlich genannt werden. Denn es gibt Einschränkungen im Umgang mit der Klarheit. Wenn Produzenten alle rechtlichen Kennzeichnungsregeln einhalten, die Aufmachung aber trotzdem in die Irre führt, wird das Produkt nicht genannt. Das wäre zum Beispiel bei Schwarzwälder Schinken der Fall, wenn Verbraucher mit der Bezeichnung die Herkunft des Schweines und nicht die Zubereitungsart verbinden. Dann wird ein neutrales Bild für die Veranschaulichung des Problems verwendet. Auch gibt es offenkundig noch Grauzonen bei der Entscheidung, wann ein Unternehmen öffentlich genannt wird und wann nicht. Bei Rechtsverstößen wird es keine Nennung geben. Hier schreiten die Behörden kurzerhand ein.

    Erste Profiteure des geplanten Internetportals gibt es auch schon. Rechtsanwälte bieten der Lebensmittelwirtschaft ihren Rat an und veranstalten Seminare auf denen vorbeugende Maßnahmen gegen das Erscheinen auf der schwarzen Liste erörtert werden. 249 Euro verlangt die Gummersbacher Kanzlei Krell Weyland Grube für die Hilfestellung im Umgang mit der Klarheit und Wahrheit

  • Die Staatsinsolvenz kommt

    Leitartikel zum Weltwirtschaftsforum in Davos von Hannes Koch

    Im Phrasendreschen ist das Weltwirtschaftsforum von Davos wieder ganz groß. „Gemeinsame Werte für eine neue Realität“ hat WEF-Gründer und Chef Klaus Schwab als Motto des diesjährigen Weltgipfels der Manager und Top-Politiker ausgegeben. Schwab hat eine unnachahmliche Art, die Soße der schönen Formulierung über alle Konflikte zu gießen und für wenige Tage den Geist von Davos hervorzurufen: Im Sinne des Guten ziehen wir alle an einem Strang. Und doch scheint in diesem Jahr selbst bei Schwab die bange Frage durch: Ist unsere weltweite Markt- und Politik-Ordnung überhaupt noch händelbar?

    Am Beispiel der Euro-Krise dürfte diese Frage bald wieder einmal beantwortet werden. In Davos ließ der griechische Finanzminister Giorgios Papakonstantinou durchblicken, dass es ratsam werden könnte, griechische Staatsanleihen zu einem geringen Wert zurückzukaufen. Griechenland würde damit eingestehen, seine Schulden später nicht in voller Höhe abbezahlen zu können. Athen ginge den Weg der Umschuldung – ein weiterer Schritt zum Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit. Abzuwarten bleibt, wie die internationalen Investoren darauf reagieren.

    In jedem Fall müssten sie auf einen Teil des Geldes, das sie Griechenland geliehen haben, verzichten. Sie wären zwar sicher, vielleicht 70 Prozent ihres Kapitals zurückzuerhalten – aber eben nur 70 Prozent. Dies wiederum könnte die bekannten Kettenreaktionen verstärken. Jeder Investor stellte sofort die Frage: Was ist mit Irland? Oder Portugal und Spanien?

    Wir stehen vor einem großen Experiment. Damit es nicht zum Untergang des Euro führt, muss sich die Bundesregierung darauf einrichten, dem europäischen Rettungsfonds mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Denn dieser wird Griechenland das Geld für den Rückkauf der Staatspapiere leihen. Außerdem muss er den Investoren glaubhaft demonstrieren können, dass er über ausreichende Summen verfügt, um auch weitere Staaten auf diese Art abzusichern.

    Einen Teil der Verantwortung für die gesamte unbefriedigende Situation trägt die Politik. Das kritisieren viele Manager in Davos zu Recht. Nicht nur in Griechenland, auch in Deutschland wurden gesellschaftliche Probleme jahrelang mit massiver Staatsverschuldung bekämpft.

    Aber die Großbanken, die sich beim Weltwirtschaftsforum gern leutselig geben, treiben die Politik auch vor sich her. Die Märkte, auf denen Billionen Euro täglich Rendite suchen, sind mächtiger als die Regierungen. Jedenfalls hat die Politik das Rezept für eine wirksame Kontrolle bislang nicht gefunden. So bleibt auch nach Davos 2011 die ernüchternde Erkenntnis, dass die globale Marktwirtschaft ständig neue Krisen produziert. Vielleicht ist es diese Wahrnehmung, die Klaus Schwab mit seinem Begriff der „neuen Realität“ meint.

  • Gutes Essen auf dem Vormarsch

    Immer mehr Betriebskantinen servieren gesunde Gerichte/ Davon profitieren die Mitarbeiter – und die Unternehmen

    Betonschwere Fleischklopse, matschige Möhren und fader Fisch: Pampiges Kantinenessen macht zwar satt, aber nicht glücklich. Das haben Unternehmen erkannt. Immer mehr Arbeitgeber wollen etwas zum leiblichen Wohl ihrer Belegschaft beitragen. Frische und gesunde Gerichte schaffen es heute häufiger auf die Menülisten der Betriebsrestaurants. Anstelle von Langeweile gibt es Abwechslung – in Form von knackigen Salaten, vitaminreichem Gemüse und zarten Steaks. 

    „Für Arbeitgeber wird Nachhaltigkeit immer wichtiger – auch bei der Ernährung ihrer Mitarbeiter“, sagt Andrea Probst, Sprecherin des Betriebsrestaurantbetreibers Eurest. So achteten Firmen heute stärker darauf, dass gesunde Gerichte auf den Speiseplan der Kantinen kommen. 200 Mal im Jahr reiht sich der Durchschnittsarbeitnehmer in die Warteschlange der Firmenkantine ein. Da muss das Angebot abwechslungsreich sein. Und nicht nur das: Auch das Restauranterlebnis wird immer wichtiger. „Angestellte wollen einen guten Service und sich in der Kantine wohlfühlen“, sagt Probst.

    Als „gästeorientierte Personalrestaurants, die den veränderten Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Arbeitnehmer Rechnung tragen“ beschreibt die Bundesvereinigung deutscher Ernährungsindustrie (BVL) die Betriebskantinen. Die Definition ist etwas kantig, bringt das eben Genannte aber auf den Punkt. Rund 11.300 Pachtkantinen und Caterer zählt das Statistische Bundesamt in Deutschland. Doch auch wenn der Trend hin zu „gesund und vielfältig“ geht: Ohne Schnitzel mit Pommes oder Spaghetti mit Tomatensoße läuft nichts. „Die Klassiker dürfen von Zeit zu Zeit auf der Speisekarte nicht fehlen“, erklärt Eurest-Sprecherin Probst.

    Damit immer mehr Menschen die Chance bekommen, sich am Arbeitsplatz vollwertig zu ernähren, fördert das Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) das Projekt „Job&Fit – mit Genuss zum Erfolg“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die Initiative stellt Unternehmen Qualitätsstandards für die Betriebsverpflegung zur Verfügung. An ihnen können sich Arbeitgeber orientieren, wenn sie gesundes Kantinenessen auf die Teller bringen wollen. Setzten sie sämtliche Vorgaben um, können sich mit dem Job&Fit-Logo zertifizieren lassen.

    42 Betriebsrestaurants tragen das Zeichen bereits. Auch einige Eurest-Kantinen sind dabei. Weitere werden folgen: 25 Firmenküchen bereiten sich derzeit auf die Zertifizierung vor, andere werden nachziehen. Aus verschiedenen Motiven beteiligen sich Unternehmen an der Kampagne. „Sie möchten im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter  tun“, sagt DGE-Projektmitarbeiterin Christina Zimmermann. Ein anderer Grund sei, dass das Speisenangebot der Kantine optimiert werden soll, weil die Beschäftigten mit dem bisherigen Angebot unzufrieden sind. Neben zufriedenen Mitarbeitern bringt das Logo noch einen weiteren positiven Effekt mit sich: „Unternehmen mit Zertifikat heben sich von Wettbewerbern ab und ziehen die Aufmerksamkeit von potentiellen Bewerbern und Kunden auf sich“, erläutert Zimmermann.

    Schnitzel, Pasta und Pizza: Nach einer Eurest-Umfrage lautet so Reihenfolge der beliebtesten Kantinengerichte der Deutschen. Auf den vierten Platz schafft es das Steak. Und das ist vor allem bei Männern heiß begehrt, verdrücken sie doch die doppelte Menge an Fleisch oder Wurst wie Frauen. Nicht nur das attestiert die zweite Nationale Verzehrstudie den Deutschen. Sie sagt auch, dass hierzulande zu wenig Fisch auf den Tisch kommt. Das ist nicht verwunderlich, munden Kantinenessern Hamburger und Currywurst doch besser als Lachs oder Steinbutt.

    Ranking der beliebtesten Kantinengerichte:

    1. Schnitzel mit Pommes
    2. Pasta in allen Variationen
    3. Frisch gemachte Pizza
    4. Steaks
    5. Kartoffelgerichte
    6. Hamburger
    7. Würste aller Art (Currywurst, Thüringer)
    8. Geflügelspezialitäten
    9. Eintöpfe
    10. frischer Fisch, gebraten, gegrillt

    Quelle: Eurest

  • Konzern-Kritiker vergeben Schmäh-Preis

    Bei der Wahl zum „übelsten Unternehmen des Jahres“ steht der finnische Bio-Diesel-Hersteller Neste Oil an der Spitze der Internetabstimmung – gefolgt von BP und dem Zigarettenkonzern Philipp Morris. Die Negativ-Auszeichnung verleihen Firmen-Kritiker anläs

    Die Konzern-Kritiker versuchen der globalen Manager-Elite die Show zu stehlen. Ihren Negativ-Preis an das „übelste Unternehmen des Jahres“ verleihen Alternativ-Aktivisten am kommenden Freitag zum Höhepunkt des traditionellen Weltwirtschaftsforums im schicken Schweizer Wintersport-Ort Davos. Die Abstimmung im Internet läuft (www.publiceye.ch). Auf dem Spitzenplatz steht zur Zeit der finnische Bio-Diesel-Hersteller Neste Oil, dem die Kritiker vorwerfen, Palmöl aus sozial und ökologisch schädlicher Produktion in Indonesien und Malaysia zu verkaufen.

    Hinter Neste Oil folgt der Öl-Konzern BP, dessen Bohrinsel Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko versank und eine Ölpest an den Küsten der USA verursachte. Auf Platz drei der Internet-Abstimmung steht zur Zeit das Tabak-Unternehmen Philipp Morris, das „gegen Nichtraucherschutzgesetze in Uruguay klagt und damit den staatlichen Gesundheitsschutz unterminiert“. Weitere Kandidaten für den Schmähpreis sind der südafrikanische Bergbau-Konzern AngloGold Ashanti, das Schweizer Energie-Unternehmen Axpo und der iPhone-Produzent Foxconn.

    Den Public Eye Award verleihen die Organisationen „Erklärung von Bern“ und Greenpeace. „Wir üben Druck auf besonders unverantwortliche Unternehmen aus, damit diese ihre menschen- und umweltverachtenden Geschäftspraktiken einstellen“, sagte Sprecher Oliver Classen.

    Die Anschuldigungen gegen Neste Oil, einen der größten Produzenten von Agrartreibstoff weltweit, hat die holländische Organisation Friends of the Earth eingereicht. Einer der Hauptlieferanten von Neste Oil, die Firma IOI, sei „verwickelt in illegalen Holzeinschlag, Brandrodungen und Vernichtung von Orang-Utan-Gebieten“ unter anderem in Indonesien, erklären die Kritiker. Durch die Abholzung von Tropenwäldern und die schnelle Ausdehung der Palmöl-Plantagen würden die natürlichen Kohlenstoffspeicher zerstört, das Klima geschädigt, der Boden mit Chemikalien verseucht, angestammte Bauern von ihrem Land verdrängt und die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben.

    Gegenüber Spiegel Online wehrte sich Neste Oil mit dem Hinweis, nur nachhaltig produziertes Palmöl von zertifizierten Herstellern zu verwenden. „Neste Oil unterstützt den Naturschutz und wendet sich gegen die Abholzung von Regenwäldern.“ Die Firma sei im Dow Jones Sustainability World Index gelistet, einem Aktienindex mit ökologisch vorbildlichen Unternehmen, so Sprecherin Hanna Maula. Auf die konkreten Vorwürfe, die den Lieferanten IOI betreffen, ging Neste Oil in seiner Stellungnahme nicht ein.

    Dem bislang zweitplazierten Kandidaten BP wirft Public Eye vor, im Frühjahr 2010 „die zweitgrößte Ölkatastrophe aller Zeiten“ verursacht zu haben – „nur Saddam Husseins Abfackeln der kuwaitischen Ölfelder 1991 war noch verheerender“. Über Jahrzehnte werde „die gesamte Nahrungskette“ im Golf von Mexiko „beeinträchtigt, unter Wasser treibende Öl- und Gaswolken werden riesige Zonen des Ozeans abtöten“. „Trotz dieser katastrophalen Erfahrungen“ würde BP „hochriskante Ölfördertechniken wie Tiefsee-Bohrungen“ weiter ausbauen. Gegenüber Spiegel Online wollte die Pressestelle des BP-Konzerns „keinen Kommentar“ abgeben. Das Tabak-Unternehmen Philipp Morris erklärte, uruguayische Gesetze zum Nichtraucherschutz nicht in Frage zu stellen.

    Die Nichtregierungsorganisation Wacam aus Ghana schlug AngloGold Ashanti für den Schmähpreis vor, weil der Bergbau-Konzern mit Zyanid-Abfällen aus seiner ghanaischen Goldproduktion „Flüsse und Brunnen“ vergifte. Gegenüber Spiegel Online erklärte AngloGold-Sprecher Alan Fine, das Unternehmen habe inzwischen große Summen investiert, um „die sozialen und ökologischen Altlasten zu beseitigen“.

    Der Schweizer Energie-Konzern Axpo wurde nominiert, weil er nach Angaben der Kritiker seine Atomkraftwerke unter anderem mit „Uran aus der russischen Wiederaufbereitungsanlage Majak“ betreibt. „Majak gilt neben Tschernobyl als verstrahltester Ort der Welt“. In seiner Stellungnahme für Spiegel Online äußerte ein Axpo-Sprecher „Befremden“ über die Nominierung. Axpo sei „Transparenz und Nachhaltigkeit verpflichtet“.

    Auf die Vorwürfe gegen den taiwanesischen Elektronik-Konzern Foxconn antwortete ein Sprecher, das Unternehmen nehme „seine Verantwortung für die Beschäftigten sehr ernst“. Die Hongkonger Arbeiterrechtsorganisation Sacom hatte Foxconn zur Last gelegt, die Arbeiter in China so auszubeuten, dass sich im vergangenen Jahr „mindestens 18 das Leben“ genommen hätten.

    „Der Negativ- Preis ist ein Mittel, um die Unternehmen zu Transparenz zu motivieren “, sagte OpenLeaks-Mitgründer Daniel Domscheit-Berg gegenüber Spiegel Online. Im Rahmen der Preisverleihung in Davos wird Domscheit-Berg Details der neuen Internet-Plattform OpenLeaks präsentieren. Diese soll frühestens Ende Februar ihren Probebetrieb aufnehmen. Domscheit-Berg geht davon aus, „dass mit Hilfe von OpenLeaks und seinen Partnern mehr geheime Informationen aus Unternehmen an die Öffentlichkeit gelangen werden“ als bei WikiLeaks. Diese Organisation des Gründers Julian Assange hat Domscheit-Berg unlängst im Streit verlassen. OpenLeaks werde enger mit Organisationen zusammenarbeiten, die sich beispielsweise mit Korruption oder Steuerflucht in Unternehmen beschäftigten.

    OpenLeaks soll Tippgebern, so genannten Whistleblowern, ermöglichen, verborgene Informationen aus Wirtschaft und Politik bekannt zu machen. „Viele Unternehmen haben einen großen Nachholbedarf, was die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards angeht“, so Domscheit-Berg. „Damit die Verbraucher ihre Kaufentscheidungen treffen können, brauchen sie etwa Informationen über die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie.“ Sowohl Public Eye als auch OpenLeaks würden der Öffentlichkeit solche Hinweise zur Verfügung zu stellen.

  • Deutschland wird in Davos kritisiert

    Euro-Krise und Staatsschulden sind zentrale Themen beim Weltwirtschaftsforum 2011 in der Schweiz. Ökonom Nouriel Roubini kritisiert deutsche Sparsamkeit

    Deutsche Politiker werden beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum von Davos unter besonderer Beobachtung stehen. Der Weltgipfel der globalen Management- und Politik-Elite, der am Mittwoch in dem Schweizer Nobel-Skiort beginnt, war in den vergangenen Jahren für deutsche Vertreter eher unproblematisch – die Finanzkrise kam ja aus den USA. Die Euro-Krise dagegen, das vermutliche Hauptthema des WEF 2011, spielt sich in Europa ab. Und einige Wortführer des Forums schreiben der Bundesregierung eine Mitverantwortung dafür zu, dass die Lage weiterhin gefährlich bleibt.

    Angesichts dieser Stimmungslage kann es nicht schaden, dass die deutsche Teilnahme dieses Jahr außergewöhnlich hochkarätig und umfangreich ausfällt. Neben Kanzlerin Angela Merkel stehen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Sozialministerin Ursula von der Leyen auf der Teilnehmerliste von Davos. Aus Stuttgart soll Ministerpräsident Stefan Mappus anreisen, aus Brüssel sein Vorgänger und gegenwärtiger EU-Energie-Kommissar Guenther Oettinger. Und aus Luxemburg wird Klaus Regling nach Davos fliegen, der den Europäischen Stabilitätsfonds (EFSF), den so genannten Euro-Rettungsschirm, leitet.    
    Den kritischen Ton gegen die deutsche Position in der Euro-Krise gab unlängst US-Ökonom Nouriel Roubini in einem Interview vor. Wie im vergangenen Jahr wird Roubini bei einer ersten Davos-Veranstaltungen am Mittwoch auf dem Podium sitzen und mit seinen Thesen die Debatten der kommenden Tage beeinflussen. Roubinis Reputation und argumentative Durchschlagskraft beruht darauf, dass er die Finanzkrise vor vier Jahren relativ genau kommen sah.

    Die Empfehlung des Ökonomen lautet schlicht: "Mehr Geld ausgeben." Diesen Rat erteilte er sowohl der Europäischen Zentralbank, als auch der Bundesregierung und der Euro-Gruppe insgesamt. Die EZB solle mit allen Mitteln, etwa weiterhin niedrigen Zinsen, dafür sorgen, dass ausreichend Geld im Wirtschaftskreislauf zirkuliere und dadurch das Wachstum stimuliert werde, so Roubini. Denn ohne zusätzliches Wachstum sei es den hoch verschuldeten, von der Zahlungsunfähigkeit bedrohten Euro-Staaten Portugal, Spanien und Italien nicht möglich, ihre Schuldenlast zu verringern.

    "Deutschland sollte seine Austeritätsstrategie verschieben", sagte der Ökonom an die Adresse der Bundesregierung. Merkel, Schäuble und Brüderle müssten einwilligen, Staaten wie Griechenland und Irland mehr finanziellen Spielraum zu gewähren. Diese Länder würden nur dann aus ihren Schulden herauswachsen können, wenn sie nicht die rigiden Sparprogramme durchführen müssten, die die EU und der IWF ihnen unter tätiger Mithlife der Bundesregierung aufgebrummt hätten.

    Und drittens müsse die Euro-Gruppe den Rettungsschirm für bedrohte Staaten um ein paar hundert Milliarden Euro aufstocken, forderte Roubini. Nur dann würden die
    Investoren an den Finanzmärkten glauben, dass die Gefahr des Zusammenbruchs einer Euro-Ökonomie wie Spaniens gebannt sei. Unter dem Strich, so Roubini, gebe es nur eine Wahl: Entweder müsse das reiche Deutschland mehr Geld in den Fortbestand des Euro investieren, als es heute bereit sei, oder die Euro-Zone breche durch den Kollaps eines oder mehrerer Staaten auseinander.

    Mit diesen Argumenten holt Roubini die Auseinandersetzung nach Davos, die in den vergangenen Wochen schon die Debatte auf der Bühne der europäischen Politik Bühne prägte. So forderten EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Währungskommissar Olli Rehn, den Rettungsschirm auszuweiten. Bislang bremst die Bundesregierung.
    Aber auch die Spar-Position wird in Davos vertreten sein. So moderiert Dennis Snower, der Präsident des Kieler Institutes für Weltwirtschaft, eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Globale Risiken". Snower hält die "Aufstockung des Euro-Rettungsschirmes für unsinnig", wie er gegenüber dieser Zeitung sagte. Stattdessen sei es sinnvoll, eine langfristige Sparpolitik zu formulieren, die es den Staaten einerseits erlaube zu wachsen, andererseits aber die Schulden wieder auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Snower schlägt vor, von der Politik unabhängige Schuldenkommissionen zu berufen, die die Maßnahmen überwachen sollten.

    Info-Kasten
    WEF Davos 2011
    Das alljährliche World Economic Forum (WEF) im Schweizer Skiort Davos bietet für Manager und Politiker eine Mischung aus Weltgipfel und Bildungsurlaub. Man trägt Wanderschuhe, verzichtet auf die Krawatte, bereitet die kommenden Geschäfte und Entscheidungen vor und kann ein, zwei Tage Skilaufen dranhängen. Mit 2.500 Gästen, Dutzenden Regierungschef, den Präsidenten der wesentlichen internationalen Organisationen und den Vorständen hunderter globaler Konzerne ist das beschauliche Konferenzzentrum immer gut gefüllt. Für Unterhaltung wird ebenfalls gesorgt: Der Opernsänger José Carreras, der Schauspieler Robert de Niro und der indische Komponist A.R. Rahman (Filmmusik zu "Slumdog Millionaire") erhalten Auszeichnungen für die gemeinnützigen Stiftungen, die sie gegründet haben. Das Forum dauert von Mittwoch bis Sonntag. Finanziell getragen wird es angeblich von den 1.000 größten Unternehmen der Welt.

  • Behörden sollen besser informieren

    Verbraucherinformationsgesetz wird nivelliert / Finanzprodukte bleiben außen vor

    Behörden werden die Bürger künftig besser über Verstöße gegen das Lebens- und Futtermittelrecht informieren. Das sieht zumindest ein Gesetzentwurf vor, mit dem Lücken im bereits existierenden Verbraucherinfomationsgesetz (VIG) geschlossen werden. Bald müssen die Länder zum Beispiel bei Rechtsverstößen bei der Futtermittelherstellung die Namen von den betroffenen Firmen, Händlern und Landwirten nennen. Das war bislang nur teilweise möglich und oblag einer Interessensabwägung des jeweils zuständigen Landes. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) reagiert damit auf den Dioxin-Skandal, als das unvollständige Lagebild viele Verbraucher verunsicherte.

    Am VIG hatte es immer wieder Kritik gegeben, weil Ämter ihr Wissen nur zögerlich, unvollständig oder gegen hohe Gebühren offenbarten und Auskunftsansprüche nur gegen Artikel des täglichen Bedarfs bestanden. Außerdem konnten Firmen die Herausgabe von Fakten leicht verhindern oder verzögern, in dem sie sich auf die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen beriefen.

    Das Gesetz wird nun auf über Lebensmittel und Kosmetika oder Spielzeug hinaus auf weitere Produktgruppen ausgedehnt. Dazu zählen beispielsweise Haushalts- oder Elektrogeräte. Nur Dienstleistungen und auch Finanzgeschäfte bleiben weiterhin außen vor. Das Verbraucherministerium verweist hier auf die Zuständigkeit der Bundesfinanzaufsicht (Bafin). Deren Auskunftspflichten sind in einem anderen Gesetz geregelt. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) fordert, dass auch Finanzprodukte unter das VIG fallen sollen, damit das Bafin die Anleger auch von sich aus vor unseriösen Angeboten warnen kann. Nach Angaben des Verbraucherministeriums liegt die Federführung hierfür jedoch im Finanzministerium.

    Vor allem sollen die Verbraucher schneller über Rechtsverstöße durch Unternehmen informiert werden. Wenn eine Ordnungswidrigkeit vorliegt, müssen die betreffenden Unternehmen nicht mehr angehört werden, bevor die Öffentlichkeit davon erfährt. Insbesondere dies hatte in der Vergangenheit zur Verschleppung der Verfahren gesorgt. Auch eine Klage dagegen verhindert die Auskunft nicht mehr. Oft verweigerten die Firmen Auskünfte ihrerseits gegenüber den Behörden mit der Verletzung von Betriebs- oder Geschäftsgeheimnissen. Denn diese Begriffe sind im alten Gesetzestext nicht klar definiert. Limonadenhersteller könnten zum Beispiel mit Verweis auf die geheime Rezeptur ihres Getränks Informationen verweigern. Die Neuregelung sieht vor, dass Mess- und Kontrollergebnisse keine schützenswerten Geheimnisse mehr sind.

    Ein Streitpunkt des VIG waren bisher auch die Kosten der Behördenauskünfte. Einfache Anfragen bei den Ämter sind bis zu einer Kostengrenze von 250 Euro künftig gratis. Bis zu einem Aufwand von 1.000 Euro bezahlen Verbraucher nichts, wenn es um Rechtsverstöße geht. Darüber hinaus gehende Kosten muss der Antragsteller aber bezahlen. Das bringt Aigner Kritik aus den Verbraucherorganisationen ein. Denn deren Fragebögen sind in der Regel umfangreich und beschäftigen die Behörden geraume Zeit. Entsprechend hoch fällt die Gebührenrechnung aus.

    Große Wirkung hat das VIG seit seiner Einführung 2008 noch nicht entfaltet. In den beiden vergangenen Jahren gingen lediglich 314 Anfragen ein. 90 Prozent wurden kostenlos beantwortet, in drei Fällen verlangten die Beamten mehr als 250 Euro an Gebühren.

  • Windparks unter Schalldruck

    Die Schweinswale in Nord- und Ostsee haben ein verletzliches Gehör. Doch die Windpark-Betreiber halten den Lärm-Grenzwert zum Schutz der Tiere nicht ein. Trotzdem erlaubt das Bundesamt für Seeschifffahrt, die Pfeiler der Windräder in den Meeresboden zu ra

    Ökologie steht gegen Ökologie. Es geht um den sauberen Strom, den die Bundesregierung mit tausenden Wind-Kraftwerken auf der Nord- und Ostsee erzeugen lassen will. Doch im Meer leben auch Schweinswale, Robben und verschiedene Fischarten, die durch den Ausbau der Offshore-Windparks gefährdet sind.

    Die empfindlichen Hörorgane der Schweinswale, der einzigen heimischen Walart in deutschen Gewässern, können den Krach der Bauarbeiten nicht vertragen. Deshalb gibt es einen Grenzwert für Unterwasser-Lärm, den das Umweltbundesamt festgelegt hat. Aber den halten die Ingenieure zur Zeit nicht ein.

    Am drängendsten ist das Problem beim Windpark Bard Offshore 1, der 90 Kilometer nordwestlich der Nordsee-Insel Borkum entsteht. 15 riesige Windräder auf jeweils drei Beinen stehen dort bereits im Meer. Projektmanagerin und Biologin Susanne Schorcht räumt gegenüber Spiegel Online ein: „Bei den Bauarbeiten haben wir Lärmwerte von 178 dB SEL im Abstand von 750 Metern gemessen.“ Der Grenzwert des Umweltbundesamtes aber erlaubt nur 160 dB SEL, wobei SEL für „Schallexpositionspegel“ steht. Dieser ermöglicht eine Aussage über die Energie eines Schallereignisses, die das Tier erreicht. „Wir wollen das Problem lösen, die Brisanz ist uns klar,“ sagt Schorcht.

    Rund 1.800 Windturbinen sollen bis 2020 in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee gebaut werden. Bard Offshore 1 ist einer der ersten Parks. Die Firma aus Bremen ist Vorreiter – auch bei den Schwierigkeiten. Eigentlich sollen die insgesamt 80 Anlagen bis zum Sommer diesen Jahres fertig sein, jede Verzögerung kostet Millionen Euro.

    Nicht nur die Betreiberfirma steckt in einem Konflikt, sondern auch die Genehmigungsbehörde, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Hamburg (BSH). Einerseits ist da der Grenzwert für die Wale, den weder die Firma, noch das Amt ignorieren kann. Andererseits sagt BSH-Jurist Christian Dahlke gegenüber Spiegel Online: „Einen Stand der Technik für effektive Maßnahmen zur Lärmminderung bei Offshore-Rammungen gibt es noch nicht.“

    Bisher ist die Forschung nicht so weit. Niemand weiß, wie man den Grenzwert einhalten soll, wenn die meterdicken Pfeiler für die Windräder von Schiffen aus mit irrwitziger Kraft in den Meeresboden gehämmert werden.

    Was tun? Immer mal wieder versuchen die Offshore-Firmen, den Lärmwert für Wale in Zweifel zu ziehen. Dagegen wehrt sich Meeresbiologin Stefanie Werner, die im Umweltbundesamt daran mitgewirkt hat, die Krachgrenze zu etablieren. „Das UBA hat den Grenzwert bei 160 dB festgelegt, weil Schweinswale ab 164 dB eine kurzfristige Schwerhörigkeit erleiden können“, erklärt Werner. „Das haben wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Kiel ergeben. Noch höhere Lärmbelastungen bedrohen die Überlebensfähigkeit der Tiere, weil sie sich dann möglicherweise nicht mehr verständigen und orientieren können.“

    Die Rücknahme des Grenzwertes scheidet für die Bundesämter aus. Sie bieten Bard aber einen Kompromiss an. Während des Baus der nächsten zehn Windräder soll das Unternehmen ein Verfahren gegen den Unterwasserlärm erforschen. „Ab der 25. Anlage muss Bard ein verbessertes Schallschutzkonzept inklusive der versuchsweisen Anwendung einer Lärmminderungstechnik nachweisen,“ sagt BSH-Jurist Dahlke. Ein Baustopp kommt für ihn nicht in Frage. Juristisch lässt sich dieser Kompromiss rechtfertigen, weil der heutige Grenzwert vor einigen Jahren, als Bard erstmals genehmigt wurde, noch den Charakter eines Richtwertes mit geringerer Verbindlichkeit hatte.

    Jetzt heißt es „Forschen“, und zwar schnell. Denn künftig müssen die Betreiber den Lärmschutz einhalten. Bisher sind die folgenden Verfahren bekannt:

    Kleiner Blasenschleier: Auf den etwa 40 Metern zwischen Meeresboden und Wasseroberfläche werden um die Pfeiler herum in kurzen Abständen Pressluftschläuche angebracht, durch deren Löcher Luftblasen aufsteigen. Es entsteht ein blubbernder Vorhang aus Blasen, der die Schallwellen der Hammerschläge etwas abmildert. Dieses ist das bislang aussichtsreichste Verfahren. Beim Test-Windpark „Alpha Ventus“ wurde damit eine Reduktion um 12 dB erreicht. Trotzdem sagt Bard-Biologin Schorcht: „Ob wir mit dem kleinen Blasenschleier den Grenzwert einhalten, wei? man heute noch nicht.“

    Großer Blasenschleier: Um die Rammstelle herum liegt auf dem Meeresboden ein einziger dicker Pressluftschlauch, der Luftblasen aufsteigen lässt. In Versuchen ist dabei das Problem aufgetreten, dass die Blasen auf ihrem vergleichsweise langen Weg zur Wasseroberfläche durch die Strömung weggespült werden. Das reduziert die Schalldämpfung.

    Hydro Sound Damper (Wasserschalldämpfer): Darunter versteht man Netze mit Bällen aus Plastik oder anderen Materialien, die um den Pfeiler herum angebracht werden. Dieses Konzept existiert bisher aber nur in der Theorie, praktische Erfahrungen fehlen.

    Weil nichts davon bisher marktreif ist, behilft sich Bard einstweilen damit, die Schweinswale von der Rammstelle zu verscheuchen. Auch dafür setzt man Unterwasserlärm ein. Zuerst werden rhythmische Signale ins Wasser gesendet, dann folgt Krach, der fast so laut ist wie der Grenzwert. Nach Angaben der Bard-Leute ist diese Taktik wirksam: Die Wale schwimmen weg, bevor das Rammen beginnt, kommen aber auch zurück, wenn wieder Ruhe einkehrt.

    Nicht anfreunden mit derartigen Kompromissen will sich Karsten Brensing. Der Meeresbiologe der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS sagt: „Man sollte nur weiterbauen, wenn die Betreiber einen wirklichen Beitrag zur Schallminderung leisten.“ Brensing betont, dass selbst der Grenzwert des UBA keinen ausreichenden Schutz der Wale gewährleiste, weil er nur „für einen einzigen Rammschlag berechnet“ sei. Beim Bau eines Windrades seien aber mindestens hunderte Rammschläge notwendig, wodurch die schädliche Schallwirkung zunehme.

    Brensing fordert die Offshore-Firmen auf, alternative Bauverfahren zu erwägen. Beispielsweise könne man die Windräder auf schwimmenden Konstruktionen errichten, wie sie die Ölindustrie benutze. Überlegenswert sei auch die Bohrtechnik der Firma Herrenknecht, die das Rammen mit Hammerschlägen überflüssig mache. „Es ist im Sinne der Windkraft den Schall zu reduzieren“, so Brensing, „welcher grüne Stromkunde würde wohl akzeptieren, dass massenhaft tote Schweinswale an den Strand von Sylt gespült werden?“

    Für Susanne Schorcht vom Unternehmen Bard allerdings kommt ein grundsätzlicher Richtungswechsel nicht in Frage: „Wenn wir jetzt auf schwimmende Fundamente oder andere Verfahren wechseln würden, könnten wir vorerst nicht weiterbauen. Weil es sich bei unserem Vorhaben um ein Pilotprojekt handelt, bitten wir die Politik um Nachsicht und Unterstützung.“

  • „Die Zukunft heißt Bio-Convenience“

    Warum Männer seltener im Bio-Laden anzutreffen sind als Frauen, weiß Kirsten Schlegel-Matthies. Die Professorin der Universität Paderborn kennt sich aus mit Ernährungstrends. Im Interview verrät die Haushaltswissenschaftlerin auch, welches Argument das mä

    Frage: Frau Schlegel-Matthies, haben Männer zum Thema „Bio“ eine andere Einstellung als Frauen?

    Kirsten Schlegel-Matthies: Nein. Männer sind aber eher daran interessiert, dass das Essen schmeckt und lecker ist. Ob es Bio ist oder nicht ist, ist ihnen egal. Wir beobachten aber auch, dass vor allem jungen, gut ausgebildeten Männern, vielleicht noch in einem akademischen Beruf, Bio immer wichtiger wird.

    Mandy Kunstmann: Dann haben Frauen einen stärkeren Bezug zu Bio?

    Schlegel-Matthies: Das haben sie. Frauen wollen schön und schlank sein. Das verbinden sie mit gesund. Und Gesundheit setzen sie gleich mit Bio. Gesundheit, Schlankheit und Schönheit gehen bei Frauen Hand in Hand.  

    Kunstmann: Also gehen Frauen öfter in den Bio-Laden?

    Schlegel-Matthies: In der Tat, das tun sie. Wenn Männer in den Bio-Laden gehen, dann geht ein Teil von ihnen nur mit. Andererseits kaufen sie dort aber vielleicht bewusst ein, wenn sie Kinder haben. Bei der Ernährung der Sprösslinge hat bei beiden Geschlechtern ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Können sie es sich leisten, kaufen die Eltern eher Bio-Produkte.

    Kunstmann: Und wie bekommt man einen Mann in den Bio-Laden, wenn bei ihm das Argument „Das ist doch gesünder“ nicht zieht?

    Schlegel-Matthies: Dann sagen Sie: „Das ist leckerer“.

    Kunstmann: Geht der Trend bei der Ernährung immer noch in Richtung gesunde Ernährung?

    Schlegel-Matthies: Einerseits wollen sich die Menschen tatsächlich gesünder ernähren. Das hat auch der neue Dioxin-Skandal gezeigt. Die Leute haben sehr schnell darauf reagiert und keine Eier oder kein Schweinefleisch mehr gekauft. Und im Restaurant fragen sie jetzt danach, wo die Produkte herkommen. Ist der Skandal vorüber, werden sie aber in alte Routinen zurückfallen.

    Kunstmann: Und die wären?

    Schlegel-Matthies: Sie konsumieren konventionelle Lebensmittel, viel Fleisch und wenig Obst und Gemüse.

    Kunstmann: Und was ist mit den Bio-Lebensmitteln?

    Schlegel-Matthies: Auch hier geht der Trend hin zu Convenience- Produkten. Möhren oder Kartoffeln, von denen man im Laden noch den Sand abklopfen musste, gab es gestern. Heute gibt es tiefgekühlte Bio-Kartoffelpuffer, Bio-Klöße oder sogar Bio-Karotten aus der Konserve. Die Zukunft heißt „Bio-Convenience“.

    Bio-Box: Kirsten Schlegel-Matthies (51) ist Professorin an der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Paderborn. Seit 2002 arbeitet die Haushaltswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Verbraucherbildung


  • Gesundheit aus dem Supermarkt

    In funktionellen Lebensmitteln sieht die Ernährungsindustrie große Chancen/ Verbraucherschützer bewerten die Produkte kritisch

    Während Hersteller immer mehr Gelder in die Produktion von funktionellen Lebensmitteln stecken, warnen Verbraucherschützer vor Brotaufstrichen, die den Cholesterin-Spiegel senken oder Joghurts, die die Verdauung ankurbeln sollen. Doch was verbirgt sich hinter den Nahrungsmitteln? Und: Sind sie wirklich gefährlich? 

    Allein wer erklären möchte, was funktionelle Lebensmittel (oder engl.: Functional Food) sind, gerät ins Schlingern. Denn eine rechtlich verbindliche Definition gibt es nicht. Einig sind sich Experten allerdings darüber, dass die Produkte neben ihrem Nährwert einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen bieten sollen.

    Beim gesundheitlichen Aufpeppen von Lebensmitteln zeigen sich die Hersteller erfinderisch. Müslimischungen oder Säfte bereichern sie mit Calcium, Magnesium, Vitaminen und Zink, was Osteoporose vorbeugen könne. Vitamin C oder E mengen sie Frühstücksgetränken bei – für den Schutz der Körperzellen.

    Mit Sicherheit werden noch zahlreiche verblüffende Kreationen folgen. „Im Bereich der funktionellen Lebensmittel wird sehr viel geforscht“, sagt Marion Fürst, Sprecherin bei Danone. 200 Millionen Euro investiert das Unternehmen jährlich in die Forschung und Entwicklung. Für die Zukunft zeigt man sich optimistisch. „Es wird sich noch viel tun, schließlich steckt die Forschung im Bereich
    Gesundheit und Ernährung noch in den Kinderschuhen“, so Fürst.

    Auch Nestlé setzt verstärkt auf die Vernetzung von Nahrung und Pharma. Erst kürzlich hat der Lebensmittelkonzern die Nestlé Health Science AG sowie das Nestlé Institute of Health Sciences gegründet. Die beiden Organisationen sollen es dem Unternehmen erlauben, eine „innovative Sparte von auf Wissenschaft basierenden personalisierten Gesundheitsprodukten zu entwickeln, welche Gesundheitsbeschwerden wie Diabetes, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Alzheimer vorbeugen und behandeln.“

    In welche Richtung es in Zukunft gehen könnte, zeigt das Unternehmen Milchkristalle. Die Münchner Forscher haben ein Lebensmittel mit hohem Melatoningehalt entwickelt: Nacht-Milchkristalle. Für dessen Herstellung werden Kühe nachts bei rotem Licht gemolken. Die so genannte Nachtmilch enthält besonders hohe Mengen des Schlafrhythmus steuernden Hormons Melatonin.

    In den USA gilt es zwar als völlig normal, gegen Schlafstörungen synthetisches Melatonin zu schlucken. Solche Präparate sind hierzulande nicht zugelassen. Dass Nacht-Milchkristalle gegen Schlafstörungen oder vielleicht bei einem Jetlag helfen, bewirbt die elegante, schwarze Verpackung nicht. Würde der Hersteller den – sicherlich verkaufsfördernden – Spruch „Hilft bei Schlafstörungen“ verwenden wollen, müsste er dafür Antrag, bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stellen. Denn nur Fakten, die wissenschaftlich bewiesen sind, dürfen in der Europäischen Union auf den Produkten stehen.

    Für „FruchtZwerge“ von Danone hat die EFSA beispielsweise folgende Aussage genehmigt: „Vitamin D und Calcium werden für ein gesundes Wachstum und eine gesunde Entwicklung der Knochen bei Kindern benötigt.“ Auch wenn irreführende Angaben in der EU verboten sind, könnten Verbraucher sie derzeit dennoch auf Verpackungen finden. Der Grund: Die EFSA ist noch damit beschäftigt, sämtliche Slogans auf ihren wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt hin zu prüfen.

    Cholesterinsenkende Margarine, Appetit zügelnde Milchprodukte und probiotische Wurst schlagen Armin Valet auf den Magen. „Sehr kritisch“ sieht der Ernährungsexperte der Verbraucherzentrale Hamburg die Designer-Nahrung. „Im Gegensatz zu Arzneimitteln nehmen Verbraucher funktionelle
    Lebensmittel nicht kontrolliert ein“, erläutert er. Wer habe schon im Blick, wie viel Cholesterin senkende Margarine er sich aufs Brot streicht, in der zwar Sterine steckten, die das Cholesterin im Blut senken. Mehr als drei
    Gramm davon am Tag könnten sich aber kontraproduktiv auswirken.

    Weiterer Knackpunkt: Funktionelle Lebensmittel richten sich an bestimmte Verbrauchergruppen. Bei Cholesterin senkender Margarine sind es Menschen mit einem erhöhten Cholesterin-Wert. „Für Schwangere ist das Produkt keineswegs geeignet“, so Ernährungsexperte Valet. Zwar steht solch ein Warnhinweis auf den Schachteln. Doch nicht jeder Kunde liest sich beim Einkauf sämtliche Produktinformationen durch.

  • Die Grüne Woche

    Infokasten

    Die 76. Internationale Grüne Woche öffnet für das Publikum heute ihre Pforten. Über 400.000 Besucher erwarten die Veranstalter bis zum Schlusstag Ende nächster Woche in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm. Mit 1.632 Aussteller aus 57 Ländern ist die Leistungsschau der Ernährungswirtschaft die weltweit größte Messe ihrer Art.

    Für die Landwirtschaft ist die Schau auch ein politisch wichtiges Ereignis. Agrarminister aus 50 Staaten beraten in der kommenden Woche die Probleme der Welternährung. Der normale Besucher kommt eher zum Schlemmen. An den Ständen aus aller Herren Länder werden gegen gutes Geld Spezialitäten aller Art verkauft.

    Geöffnet ist die Grüne Woche täglich von 10.00 – 18.00 Uhr. Der Eintritt kostet zwölf Euro.

  • Herzlose Fabrik oder bäuerliche Romantik?

    Die Landwirtschaft ist wieder Thema

    In den kommenden zehn Tagen werden die Besucher der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin wieder einen Eindruck vom Landleben bekommen. In der Tierhalle werden Supermilchkühe die neugierigen Blicke der Städter ertragen, Kinder fröhliche Ferkel streicheln. In den Messehallen unter dem Funkturm führt die Landwirtschaft eine heile Welt vor. Dass Ferkel in der Zucht gar nicht so unbesorgt tollen, sondern mitunter immer noch schmerzhaft ohne Betäubung kastriert werden, steht nirgends. Darüber spricht auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Gerd Sonnleitner, nicht. „Wir gehen im Tierschutz weltweit führend voran“, verteidigt er die Massentierhaltung generell vor Angriffen.

    Doch die Kritik an herzlosen Agrarfabriken und effizienten Großbetrieben ist mit den Dioxinfunden in Eiern und Fleisch wieder vernehmlich geworden. „Wir haben es satt“, heißt folgerichtig das Motto einer Demonstration gegen die industrialisierte Landwirtschaft, die am Samstag Tausende vor das Brandenburger Tor locken soll. Einer der Veranstalter ist die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), deren Chef Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf ist. „Wir brauchen einen Systemwechsel“, fordert der Biobauer. Wenn es nach dem Willen der Kritiker ginge, würde der Einsatz von Gentechnik verboten und die Subventionen an ökologische oder gesellschaftliche Gegenleistungen gekoppelt. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner solle doch die entsprechenden Vorschläge der EU-Kommission unterstützen.

    Bei Sonnleitner stößt die Kritik auf Unverständnis. Massentierhaltung sei ein „Kampfbegriff“, die Vorstellung einer kleinbäuerlichen Welt für eine „romantische Verklärung“. An den Subventionen will der DBV nicht rütteln. „30 bis 50 Prozent des Einkommens einer Bauernfamilie stammt aus den EU-Zahlungen“, erläutert Sonnleitner. Was er nicht sagt ist, dass die großen Betriebe bisher besonders viel Geld aus Brüssel bekommen haben.

    Hintergrund des Streites ist neben der grundsätzlichen Frage, wie Nahrungsmittel produziert werden sollten, die anstehende Reform der europäischen Agrarpolitik. Das wird in den Räumen hinter der Schlemmermeile ausgekungelt, zum Beispiel auf einer Agrarministerkonferenz. Die Förderung der Landwirtschaft soll nicht mehr kosten. Zugleich wollen die Beitrittsländer stärker davon profitieren. Deutsche Landwirte bekommen also weniger. Die Bundesregierung will zusammen mit Frankreich allzu große Einbußen verhindern und auch die umstrittenen, jedoch effizienten Großbetriebe weiterhin mit Geld aus dem EU-Topf versehen.

    Brauchen wir die Agrarindustrie wirklich, um die heute sieben Milliarden Menschen zu ernähren? Baringdorf glaubt das nicht. Die globale Ernährungsindustrie sei nicht zukunftsfähig, weil sie mehr Schaden anrichte als nütze. Die Natur leide an Artenschwund, Pannen würden angesichts der starken Vernetzung sofort gewaltige Ausmaße annehmen. Doch indirekt räumt auch der scharfe Kritiker ein, dass eine bäuerliche Produktionsweise die heutigen Konsumbedürfnisse allein nicht befriedigen kann. Denn die Verbraucher müssten den Fleischkonsum stark einschränken. Auch kräftige Preissteigerungen räumt Baringdorf bei einem Systemwechsel ein.

    Diesem Wunsch stehen die Konsumgewohnheiten der Menschen entgegen. Vor allem in den bevölkerungsreichen Schwellenländern wächst der Appetit auf Fleisch rasant, weil sich immer mehr Verbraucher dieses teure Lebensmittel leisten können. Davon leben auch die deutschen Landwirte mit ihren Exporten ganz gut. Deshalb will Sonnleitner an diesem System nichts ändern.

    Die Biobranche selbst ist längst auch nicht mehr so unschuldig, wie viele Verbraucher glauben. Denn Effizienz spielt bei der Erzeugung von Bioeiern oder Biogemüse längst eine wichtige Rolle. „Es gibt auch im Biobereich agrarindustrielle Tendenzen“ warnt Thomas Dosch, Präsident des Verbands Bioland. Anders lassen sich die Anforderungen des Handels offenkundig nicht erfüllen.

    Landwirte und Ernährungsindustrie beschäftigen auch andere Probleme. Steigende Preise für Agrarrohstoffe, ausgelöst durch Spekulation auf dem Weltmarkt, rufen verarbeitende Industrie und die Politik auf den Plan. Ministerin Aigner sucht nach Instrumenten gegen die Spekulation mit Weizen, Mais oder Soja. Im vergangenen Jahr stiegen die Lebensmittelpreise in Deutschland um 3,6 Prozent. Das geht zum Teil auch auf die Entwicklung an den Weltmärkten zurück, wo Hedgefonds und Banken ein neues Spielfeld entdeckt haben. Haushalte in den reichen Ländern kommen damit noch klar. In den Entwicklungsländern wird der Preisschock zur Katastrophe. „Mehr als 100 Millionen Menschen musste 2008 hungern, weil Spekulanten den Preisanstieg anheizten“, verlangt auch die Enwicklungsorganisation Oxfam Reformen der Finanzmärkte, deren Teil der Welternährung längst geworden ist.

  • Markt ohne Moral

    Der Kommentar

    Früher hießen die Feinde des Hungers Entwicklungspolitik, Demokratisierung, Bildung und Investitionen. All dies sind Elemente, mit denen die Politik dem Mangel an Nahrungsmitteln begegnet. Die Ziele der Vereinten Nationen sind hoch gesteckt. Die Weltgemeinschaft will Zahl der Hungernden bis Mitte dieses Jahrzehnts halbieren. Doch nun gefährdet eine in ihren Ausmaßen noch junge Entwicklung dem globalen Schulterschluss. Weizen, Raps, Kaffee und Schweinehälften sind Teil der Finanzmärkte geworden. Die Nahrungsmittelproduktion dient nicht mehr allein der Ernährung. Sie füllt auch die Taschen von Spekulanten und kapitalkräftigen Geldanlegern. Das hat fatale Folgen, denn der Markt kennt keine Moral.

    Der Handel sorgt für stark steigende Preise oder zumindest für große Schwankungen. In den Industrieländern schlägt sich dies nur begrenzt in den Verbraucherpreisen wieder. Deshalb muss niemand auf Lebensmittel verzichten. Die Bevölkerung in armen Ländern wird dagegen schnell zum Spielball der Spekulanten. Das Essen wird für sie zu teuer. Der Hunger verbreitet sich statt abzunehmen. Allein schon deshalb muss die Politik die Märkte so regulieren, dass keine rein spekulativen Preisblasen entstehen können.

    Das Problem ist längst erkannt, aber noch nicht gelöst. Daran wird auch die Agrarministerkonferenz auf der Grünen Woche in Berlin nichts ändern. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie gering der politische Wille in Fragen der Regulierung mancherorts ist. Auch hier gilt, dass die Bestie nur gemeinsam gebändigt werden kann.

    Glaube nur niemand, die Deutschen könnten sich diese Fehlentwicklung noch gut leisten. Mit wachsender Weltbevölkerung wird die Erzeugung und Verteilung von Nahrungsmitteln eine der Kernaufgaben der nächsten Jahrzehnte. Die Zeit billiger Lebensmittel geht zu Ende. Mehr und mehr werden die Ladenpreise hier dann auch von den Weltmärkten bestimmt. Den Auswüchsen dieser Märkte kann man sich nicht früh genug erwehren.